Digitales Lernen in apokalyptischen Zeiten – ratlose Betrachtungen und symptomatische Einblicke

Vor nun beinahe drei Wochen muss auf einmal alles ganz schnell gehen. Während noch völlig unklar ist, was die offizielle Ausrufung der „unterrichtsfreien Zeit“ in der Praxis bedeuten könnte,  versammelt sich eine Horde ratloser Lehrkräfte zur Krisensitzung. Völlig analog noch und massiv unbeholfen. Wie nahe dürfen wir uns noch kommen? Können wir danach noch irgendwo einen Kaffee trinken gehen und uns weiter über unsere Ratlosigkeit austauschen? Erstmal waschen wir zwar demonstrativ und moralisch erhaben fleißig unsere Hände, teilen dann aber letztlich doch die gemeinsame Kaffeekanne.

Und kommen zum inhaltlichen Teil. Die halbherzig unterdrückte, euphorische Hoffnung mancher Kolleg*innen auf unverhoffte Corona-Ferien fällt rasch einem Credo zum Opfer, an dem wir uns seitdem fleißig abarbeiten: „The show must go on!“. Schließlich beabsichtigt ein Großteil unserer Schüler*innen, in wenigen Wochen die Abschlussprüfungen an FOS oder Berufsfachschule hinter sich zu bringen und in einen neuen Lebensabschnitt starten zu können.

Dafür fehlen aber noch haufenweise Noten, die Lehrpläne sind noch nicht erfüllt und potentielle Prüfungsinhalte nicht vollständig erarbeitet…

Also ab ins Digitale!

Eine entsprechende Software mit unzähligen Lizenzen steht, wie nun stolz verkündet wird, schon bereit und entsprechend haben die Leute von der IT auch jetzt schon viereckige Augen mit tiefen Rändern darunter. Obwohl sie sich in einem wirklich und nachvollziehbar desolaten Zustand befinden, haben sie nun die undankbare Aufgabe, das technisch bis auf wenige Ausnahmen (dazu später mehr) eher minderbemittelte Lehrer*innenkollegium innerhalb kürzester Zeit in die Möglichkeiten und Kniffe von Microsoft Teams einzuweisen.

Über dieses Portal soll fortan so ziemlich alles laufen – dabei mussten wir uns doch gerade erst daran gewöhnen, dass zu Beginn des neuen Schuljahres die analogen Klassen- und Notenbücher durch ein Programm namens All4Schools ersetzt wurden. Ehe das halbwegs rund lief, hat es mal locker mehrere Wochen gedauert.

So viel Zeit haben wir diesmal nicht! Aber auch ich muss mich ganz schön zusammenreißen, um mit Einsetzen der didaktisch nicht besonders ansprechenden Erläuterungen nicht sofort abzuschalten. Nach etwa fünf Minuten daddelt mindestens die Hälfte des Kollegiums mit leerem Blick am Handy. Nach etwa zehn Minuten verschwinden die ersten aufs Klo. Oder zum Rauchen? Whatever. Verkehrte Welt jedenfalls und auch ich habe inzwischen den Anschluss verpasst und kämpfe gegen den Drang an, hysterisch los zu kichern.

Rosa Rettich

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2 Responses

  1. Sehr witzige Schilderung einer sehr bitteren Realität. Wie wir alle wohl in Monaten oder Jahren auf diese kreative Zeit zurückblicken werden, in der so viel improvisiert, neu erfunden, ermöglicht wurde, was ohne Krise weiter als „geht nicht“, „haben wir ja noch nie so gemacht“, „das müssen wir erst mal genehmigen lassen“ kommentiert würde. Ich hoffe sehr, dass die Lorbeeren dieser großen Ermöglichung auch von denen geerntet werden können, die diese Arbeit leisten. Zu befürchten ist, dass sich Menschen damit brüsten werden, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Ich habe größten Respekt vor allen, die sich nach Verzweiflung, hysterischen Kicher-Anfällen doch immer wieder an die Arbeit machen (müssen).

  2. Liebe Rosa Rettich, wie wahr! Mir geht es ja eigentlich ähnlich, es ist alles zu groß, um wirklich erfasst werden zu können. Zu viele Akteure, zu viele Unwägbarkeiten und das Virus als ein weltweiter Schicksalsschlag…

    Ich spüre hier eine literarische Wahrheit. Aber wie sieht Ihre politische Analyse aus?

    Auch Sie, Silke Siedenburg, beobachten m. E. sehr richtig, dass wir derzeit einen ungeahnten Möglichkeitssinn für eine bessere, digitale Zukunft entwickeln und ebenfalls, dass die Wertschätzung für all die guten Ideen bei denjenigen ankommt, die sie hatten. Sicher ist eine große gesellschaftliche Debatte überfällig, wem welche (materielle) Achtung gebührt.

    Vielen Dank für eine Antwort!

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