Filme zur digitalen Gegenwart

Dies ist eine Besprechung der Filme The Social Dilemma, The Billion Dollar Code und Alles ist 1 außer die 0. Schaut sie Euch an! Bei Fragen lest diesen Beitrag und kommentiert Eure Antworten.   


1. The Social Dilemma (Exposure Labs, Argent Pictures, The Space Program, 2020)

„Nothing vast enters the life of mortals without a curse.“ Bumm, das sitzt, gleich am Anfang. Weitere coole Zitate lassen nicht auf sich warten: „Das Produkt ist die Veränderung Deiner Wahrnehmung und Deiner Gedanken, Identität und Verhalten.“ – „Wie viel von Deinem Leben willst du uns opfern?“ – „there were meaningful changes in the world. They were good. But we were unaware of the flipside of the coin“ … bis zu eher flachen Sprüchen wie „There are only two industries that call its customers ‚users‘ – illegal drugs and software“.

Der Film ist einerseits als Warnung gemeint und zu betrachten: (ehemalige) führende Software-Entwickler der Internetgiganten berichten, was sie mit SOCIAL MEDIA geschaffen haben und was man NICHT MEHR oder GERADE NOCH dagegen unternehmen kann. Die Internetkonzerne vergiften das gesellschaftliche Klima und gefährden die Demokratie – dies kann zwar mittlerweile fast schon als Allgemeinplatz gelten. So eindringlich dargelegt findet man diese Tatsache selten.

Andererseits zeigt der Film ganz toll das Staunen der ganzen Menschheit über die neuen digitalen Weltwunder. Das Beste sind die Ausführungen von Tristan Harris (der Harry Potter des Films). Er beschreibt, dass es bei Google versäumt wurde, einen „kulturellen Moment“ herbeizuführen oder anzuerkennen. „Irgendwie sind wir alle verhext worden“, so der smarte Harris/Harry.

Von ihm und dem Film insgesamt erfährt mensch – sofern grundlegend über die digitale Gegenwart informiert – nichts grundlegend Neues, aber das Bekannte auf eindringliche Weise neu erläutert. Das Allerbeste: Harrys Zaubertrick bei 35:23

Danach bedeutet Software-Engineering heute, alle irgendwie zu verhexen, damit sie mehr Zeit an den Geräten verbringen. Ein weiterer Protagonist ist der „Sunnyboy“, ehemals „President of Growth“ bei Facebook. Typisch US-amerikanisch sagt er: „there were meaningful changes in the world, because of these platforms. They were positive. But we were unaware of the flipside of this coin.“ Dann erklärt er noch echt gut, wie das Geschäftsmodell von Facebook entstanden ist. Er gibt das Kernproblem des Geschäftsmodells der „BIG FIVE“ und aller anderen ehemaligen und aktuellen digitalen „STARTUPs“ mit der an das Anfangszitat erinnernden Frage wieder: „Wie viel von Deinem Leben willst du uns opfern?“ Sehr witzig ist die schauspielerische Darstellung der Funktionsweise von Werbetracking durch eine Bande von „Manipulateuren“ im Untergrund:

„…emojis, er liebt emojis. sein favourite ist feuer..“, „ich berechne eine 92%-ige Wahrscheinlichkeit, ihn durch Anna wiederzubeleben“

Total bescheuert und irgendwie auch bezeichnend ist die Film-Musik, die permanent im Hintergrund raunt, als ob es im wahrsten Sinne kein Morgen gäbe. Wegen Social Media. Obwohl das bei der gut inszenierten Dramatik und den Zauberkünsten von Harris/Harry gar nicht nötig wäre…

Noch einmal von vorne. Die zentrale Frage des Films ist sehr einfach: „Is there a problem and what is the problem?“ oder „where is the existential threat?“ Als Antwort nennt der Film sehr global zwei Problemkreise: „mental health“ (1) und „control“ (2). Warum wir hier verwundbar sind? In Sachen psychischer Gesundheit: Weil die Geschäftsmodelle von Facebook und Co. nicht mit gesunder und glücklicher Lebensgestaltung konvergieren. Soweit so klar (und bei vielen Kindern und Jugendlichen wohl schon sehr gut verstanden). Dass es nun aus biologischen Gründen (!) (Begründung: die Rechenleistung der Computer wächst dramatisch, die der Menschen bleibt seit Tausenden von Jahren schon ungefähr gleich) unmöglich sei, mit Social Media psychisch gesund zu bleiben. Diese ist eine von zwei Thesen des Films.

Für die Erzählung, wie „Kontrolle“ in unser Leben geschlichen ist, werden am Beispiel des Foto-Taggings sowie verschiedener Effekte des Microtargetings die Manipulationspotentiale der Plattformen genüsslich präsentiert. Dies alles ist sehr klar und eindrucksvoll dargestellt. Jede/r sollte klar sein, dass die heutigen digitalen Tools auch als Waffen eingesetzt werden können, die die Menschheit jederzeit, in der Vergangenheit wie in der Zukunft, existentiell bedrohen können. Das ist alles sehr plastisch beschrieben.

Auf der anderen, schlechten Seite gibt der Film gute, aber leider unmögliche Ratschläge, z. B. die von Jaron Lanier, sofort (!) alle (!) Social Media-Accounts zu löschen. Unmöglich, weil es schlicht keine Option ist, in einem ganz normalen (zumal jugendlichen) Alltag hier und heute all seine Social-Media-Accounts zu löschen und wer anderes behauptet, lügt – oder ist ein altmodischer Bewahrpädagoge! Und es ist in einer normalen Familie entgegen der These des Films häufig doch möglich, Zeiten ohne smart Devices zu erleben. Der Gipfel an echtem Schwachsinn ist ein interviewter älterer Psychotherapeut, der ausführt, dass die Jugend von heute nichts taugt und früher alles besser war. Wörtlich: „die Anzahl der Führerscheinabsolventen hat sich dramatisch verringert“… Insofern der Film dies ernsthaft als Beleg für die negativen Auswirkungen von Social Media verstanden wissen möchte, ist er offensichtlich richtig schlecht.

2. The Billion Dollar Code (Kundschafter Filmproduktion, Sunny Side Up Films, 2021)

Die vierteilige Serie erzählt einerseits die (überwiegend wahre) Geschichte zweier Internetpioniere, Unternehmer und Entwickler des ‚Billion Dollar Codes‘ – „Terra Vision“ aka „Google Earth“. Andererseits gibt sie, lustig erzählt, einen exzellenten Einblick in das Geschäftsmodell Googles.

Der Film beginnt damit, dass zwei junge Typen eine gute Idee haben. „Es wäre doch schön, wenn man an jeden Ort der Welt fliegen könnte!“ – „ohne sich selbst fortzubewegen…“ „…wenn ich von zu Hause aus zu dieser Dönerbude fliegen könnte!“ Diese einfache Idee ist der Anfang von etwas ziemlich Großartigem – wir kennen es heute unter dem Namen Google Earth. Die beiden schaffen es, für die Realisierung ihrer Idee eine Förderung der „Deutschen Telekom“ zu ergattern. Großartig dargestellt schon hier die deutsche Skepsis gegenüber allen Neuheiten. „Klaus“ und „Helga“, Vorstand und Assistentin der Telekom verkörpern zu hundert Prozent das anti-Visionäre und die geistige Unbeweglichkeit der alten Bundesrepublik Deutschland, die wir wahrscheinlich auch heute noch immer nicht überwunden haben. Damals waren sich Klaus und Helga jedenfalls sehr sicher, dass sie eine Spinnerei sponsern, die aber keine Chance hat, sich im Alltag durchzusetzen. Denn, jeder wusste das damals, Internet und PC würden sich nicht durchsetzen können.

(Von dieser Annahme sind wir im Übrigen noch gar nicht weit entfernt, bedenkt man, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel vom Internet noch 2013 als „Neuland“ sprach, womit sie ja recht hatte, sprach sie doch nicht von sich selbst, sondern von Gesamt-Deutschland.

Zurück zum Film: Mit der Hilfe einer Programmierer-Community, namentlich dem Chaos Computer Club gelingt es mit übermenschlicher Kraftanstrengung, einen Algorithmus zu programmieren, mit dem ruckelfrei (!) jeder beliebige Ort der Welt in jeder beliebigen Entfernung angeflogen werden kann. Auf der Weltausstellung in Tokio 1997 wird das Programm ‚Terra Vision‘ nebst Globus-Interface durch die Telekom vorgestellt. Und es schlägt ein wie eine Bombe. Die ganz Welt ist fasziniert von Terra Vision. Eine digitale Revolution – made in Germany!

Dann tritt Google auf den Plan. Es folgt eine nach wie vor lustig erzählte Geschichte des nun folgenden Patent-Gerichtsstreits. Und nicht nur unterhaltsam: Wie die Gutachterin in dem Prozess berechnet, welche Summe Google bislang mit ‚Earth‘ verdient, ist beeindruckend. Fragen wie: „was ist es Euch wert, wenn ich Euch meine Daten gebe?“ – werden darin ausbuchstabiert. Das ist schon ganz schön heavy, aber pretty lightweight erzählt.

Übrigens: In dem Podcast CRE: Technik, Kultur, Gesellschaft – Folge 222 erzählt einer der vier Entwickler von Terravision, Pavel Mayer, die Geschichte nochmal von vorne und was wirklich geschah. Überaus hörenswert.

3. Alles ist 1 außer die 0 (Interzone Pictures, Norddeutscher Rundfunk, 2021)

Der Dokumentarfilm erzählt die Geschichte des Informatikers Wau Holland und mit ihr die Geschichte der Hacker-Community mit dem Namen Chaos Computer Club (CCC). Mehr gibt es fast nicht zu sagen, außer, dass es von allen dreien der hier besprochenen Filme meiner Meinung nach der Beste ist.

Erzählt wird, wo die Digitaltechnik in Deutschland zum Leben erwachte, nämlich in Wohngemeinschaften und Bastlerräumen. Wie und wozu die Technik eingesetzt wurde, nämlich kreativ befreiend. Und schließlich, welche Probleme die Digitaltechnikerpioniere mit den etablierten Strukturen der BRD und DDR der 1970er Jahre bekamen und warum: weil sie mit ihren aufklärerischen und humanistischen Idealen sowie einer guten Portion sturer Naivität einfach nicht ins System passen (wollen). Soweit der exzellente Film.

Die Aktualität des Films zeigt sich daran, dass sich an der Rolle des CCC in Deutschland bis zum heutigen Tage nichts wesentlich geändert zu haben scheint. Das kann man immer dann beobachten, wenn der Staat oder staatsnahe Stellen mal wieder ein neues Digitalprojekt versuchen: „ID-Wallet“, „digitaler Impfnachweis“, Zeugnisservice Bundesdruckerei“, „CDU-Wahlkampf-App“, „besonderes elektronisches Anwaltspostfach“, „elektronische Patientenakte“, … die Liste ließe sich fortsetzen. Stets zeigt sich – mit Unterschieden im Detail – das gleiche Muster: staatliche Stellen haben kein klares Ziel, was sie mit der Digitaltechnik erreichen wollen und kein Interesse an gesellschaftlichen Diskussionen darüber. Aber sie haben Steuergeld und wollen irgendwas mit Internet machen. Getreu dem einst von der FDP ausgerufenen Motto, „Digital First, Bedenken Second“, beauftragen sie mangels Expertise in ihren Ministerien und Parteien Berater, die ihnen irgendwas verkaufen, was sich gut verkaufen lässt. Zuletzt Blockchains (digitaler Impfnachweis, ID-Wallet, Bundesdruckerei): diese lösen zwar in den fraglichen Zusammenhängen kein Problem, sind aber wegen Bitcoin der neueste heiße Scheiß und ein cooles Buzzword und daher für Politiker mit Profilierungsdrang das perfekte Produkt. Nun geht also der Blockchain-basierte Dienst online und Politiker haben ihren Moment, in dem sie als die großen Macher dastehen. Und dann kommt der CCC.

Bzw. Leute, die sich das in ihrer Freizeit, „mal angucken“ – als eine Art kostenloses Sicherheitsreview, was vorher offensichtlich (!) nicht für wichtig gehalten wurde. Und dann geht der Dienst wieder offline und ward nicht mehr gesehen. Warum? Weil er nicht zu Ende entwickelt war. Weil gar nicht klar war, welches Problem gelöst werden sollte. Weil die Berater am Ende doch zu teuer wurden und Anforderungen der Informationssicherheit nicht mehr berücksichtigen konnten. Und weil die Leute vom CCC Schwachstellen gefunden und veröffentlicht haben. Dann folgen öffentliche Angriffe der Politiker gegen die Hacker und teilweise Strafanzeigen, die aber nie zu einer Verurteilung führen. Und mal wieder hat sich die Politik als unfähig und dumm und beratungsresistent erwiesen. Und wird sich doch nicht ändern. Und gestern wie heute sagt der CCC (nicht): Told you so!

Categories:

Bisher ohne Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.