Leben in der Digitalisierung – Home-Office und digitales Lernen

Home-Office. Das klingt erstmal nach der Freiheit, den ganzen Tag in Jogginghose am Lieblingsort mit dem Laptop in der eigenen Wohnung zu verbringen. Ich kann nebenbei essen, Pausen aktiv gestalten oder Musik hören, ohne die Kolleg*innen abzulenken. Und auch mich lenkt niemand ab. Außer die Wäsche, die noch aufzuhängen ist und vielleicht auch der rückenschonende Bürostuhl, für den ich noch kurz im Netz recherchieren müsste.
Alle Menschen, die die Möglichkeit des Home-Office selbst gewählt haben oder aufgrund ihrer beruflichen Situation (etwa aufgrund einer Freiberuflichkeit ohne Büromöglichkeit) tagtäglich von zu Hause aus arbeiten, kennen nicht nur die Vorzüge des Arbeitsplatzes in den eigenen vier Wänden, sondern auch seine großen und kleinen Tücken.

Alle, die nun aufgrund der aktuellen Situation unfreiwillig am Heimarbeitsplatz sitzen, haben sie nun auch kennengelernt. Nicht so gemächlich wie die erstgenannte Gruppe, sondern in einer besonderen Stresssituation. Neben der allgegenwärtigen Ungewissheit über die Zeit nach der Krise, die konzentriertes Arbeiten ohnehin erschwert, fallen nun auch weitere, unumgängliche Arbeiten zu Hause an: Zum Beispiel eine Neuorganisation der Aufgabenverteilung in der Familie oder der Wohngemeinschaft und gegebenenfalls die Ganztagsbetreuung der Kinder. Wer aktuell mit diesen Aufgaben konfrontiert ist, der oder die lernt höchstens den Jogginghosen-Vorteil des Home-Offices kennen.

Nun gibt es noch eine Gruppe Menschen, die vor der Herausforderung unfreiwilliger Heimarbeit steht: Schüler*innen. Die Besonderheiten hier sind erstens, dass die Kinder und Jugendlichen bisher wenig bis keine Berufserfahrung gesammelt haben und zweitens, dass sie in der Heimarbeit von ihren Lehrkräften tagtäglich auf digitalem Weg angeleitet werden.

Alle Leser*innen, die aktuell auch nur im Entferntesten mit Schule zu tun haben, lachen nun vielleicht oder verdrehen die Augen und machen sich auf die Suche nach praxisnäheren Artikeln. Aber lassen Sie uns doch einmal ganz grob durchgehen, wie es sein könnte.

Digitales Lernen – Wie es für Schüler*innen idealerweise läuft

9 Uhr[1]  – Tablet oder anderes Endgerät einschalten, sich in das an der Schule etablierte Team-Tool einloggen, die Freund*innen in der Klasse per Chat begrüßen, quatschen. Loslegen, wenn die Lehrkraft Aufgaben rein gibt. Aufgabe erledigen, per Chat Fragen an die Lehrkraft stellen, die Aufgabe nach Erledigung mit der Klasse im Teamspeak diskutieren.

10.30 – Tablet oder anderes Endgerät auf Standby schalten. Kurz WhatsApp checken, frische Luft schnappen.

10.45 – Unterricht bei dem*der Klassenlehrer*in. Per Videokonferenz tauschen sich alle aus, wie es gerade so läuft. Super natürlich. Kleine technische Probleme, aber irgendwer in der Familie kennt sich immer aus und kann helfen. Wer kein Endgerät hat, bekommt eines von der Schule bereitgestellt. Die Einarbeitung passierte schnell und selbstständig. Trotz fehlender Unmittelbarkeit im Dialog bekommt der*die Lehrer*in die Sorgen einzelner Schüler*innen mit und kann auf individuelle Probleme eingehen.

12.15 – Kurze Pause, Spaziergang um den Block. Währenddessen Sprachnachrichten auf WhatsApp anhören. Kleiner Snack.

12.30- Deutsch. Bei der aktuellen Lektüre kommen alle gut mit. Die Hausaufgaben wurden am Tag zuvor von allen rechtzeitig auf digitalem Weg bei der Lehrkraft eingereicht. Diese hat alles kontrolliert und bespricht die Aufgaben noch einmal per Chat. Als Hausaufgabe bekommt die Klasse den Auftrag für ein kleines Medienprojekt: Wie fühlen sich Maik und Tschick, als sie in die Walachei aufbrechen? Stelle diese Gefühle fotografisch dar.


14 Uhr – Schulschluss. Nach einer Mittagspause schnappen sich die Schüler*innen ihr Smartphone und ziehen los, um Freude, Aufregung, Neugier, Ungewissheit, Übermut und ein kleines bisschen Angst fotografisch festzuhalten.

Freude, Aufregung, Neugier, Ungewissheit, Übermut und ein kleines bisschen Angst. In der Idealvorstellung des Home-Learnings kommen nur die positiven Gefühle dieser Reihe vor. Und in der Realität?

Digitales Lernen – Wie es für Schüler*innen läuft

Dass die Schule nicht um 9 Uhr losgeht, ist nicht die einzige ernüchternde Erkenntnis beim Lesen der Idealvorstellung vom digitalen Lernen.

Sicher gib es einige Schulen, die bereits vor der Schließung ein digitales Konzept etabliert hatten, womit sowohl Schüler*innen als auch Lehrkräfte vertraut waren und welches bereits technisch erprobt war. Aber eben nur einige. Beim Großteil der deutschen Schulen laufen solche Konzepte spätestens im Rahmen des Digitalpaktes an. Hier setzen Schulleitungen gerade alles daran, schnell herauszufinden, welche Tools sie den Lehrkräften empfehlen und welcher Kommunikationsweg die meisten Schüler*innen erreicht. Nicht selten sind Lehrkräfte auf sich gestellt, in anderen Kollegien wiederum wächst der inhaltlich-technische Support zwischen den Generationen. Es wird deutlich, dass schon die Basis für das digitale Lernen von Schule zu Schule unterschiedlich ist.

Hinzu kommt, dass auch die Basis zu Hause, das heißt die technische Ausstattung, aber auch die soziale und teils fachliche Unterstützung, welche Schüler*innen in dieser außergewöhnlichen Situation von ihrer Familie brauchen, nicht überall gleich vorhanden ist.

Mit diesen Voraussetzungen eine Grundlage zu schaffen, welche alle Schüler*innen in das digitale Lernen inkludiert, ist die aktuelle große Herausforderung für Schulleitungen und Lehrkräfte. Die ersten beiden Wochen Home-Learning können noch als Testphase gelesen werden – auch wenn für eine tatsächliche Testphase keine Zeit blieb. Nach dieser Zeit jedoch haben sich womöglich Ursprünge technischer Probleme gezeigt, welche nun gelöst werden konnten. Vielleicht konnte für den einen oder die andere Schüler*in entsprechende Hardware organisiert werden und die Lehrkraft konnte über Rückmeldungen herausfinden, welches Tool sich nun am besten eignet. Die digitale Lehre klappt besser. Irgendwie.

Aber jeden Tag aufs Neue aufzustehen und nicht zur Schule zu gehen, sondern (wenn überhaupt) nur in einen anderen Raum, das fühlt sich nach zwei Wochen nicht besser an.

Wie oben beschrieben, haben Schüler*innen im Gegensatz zu Erwachsenen in der Regel wenig bis keine Berufserfahrung gesammelt. Selbstständiges Arbeiten ist etwas, was noch immer viel zu selten in Schulen unterstützt wird. Nun sitzen die Schüler*innen Tag für Tag zu Hause an ihrem digitalen Endgerät und sollen genau das tun. Selbstständig arbeiten. Vielleicht im Schlafanzug. Vielleicht von morgens bis abends, vielleicht aber auch gar nicht. Einige spüren durch die Selbstorganisation einen enormen Druck. Andere sind enorm überfordert.

Jetzt, wo der erste Schock überstanden ist und die digitalen Tools zumindest halbwegs ausgewählt sind, ist es Zeit, über die sozial-emotionale Ebene des digitalen Lernens nachzudenken:

– Wenn Sie als Lehrkraft merken, dass Sie ihre Schüler*innen vermissen, können Sie sichergehen, dass das umgekehrt genauso ist. Teilen Sie der Klasse per Foto oder Videobotschaft mit, dass Sie sie vermissen. Die Schüler*innen werden dies als sehr wertschätzend empfinden.

– Wie haben Sie (zurück) ins Home-Office gefunden? Wie haben Sie ihren Arbeitsplatz eingerichtet? Fällt Ihnen die Arbeit am Küchentisch oder am Schreibtisch leichter? Teilen Sie ihre Tipps für einen guten Arbeitsplatz mit den Schüler*innen. Es kann gut sein, dass die Situation für die Schüler*innen gerade sehr stress- und angstbehaftet ist. Da ist es wichtig, eine gute Atmosphäre zum Konzentrieren herzustellen.

– Führen Sie eine To-Do-Liste? Sprechen Sie mit ihren Schüler*innen darüber, ob sie mit dem Aufgabenpensum zufrieden sind. Schlagen Sie vor, dass sich alle eine To-Do-Liste (für einen Tag oder eine Woche) anlegen und sprechen Sie über die Erfahrung. Solange die Hürde in der Selbstorganisation besteht, wird auch keine inhaltliche Aufgabe gewissenhaft erledigt.

– Seien Sie Ansprechpartner*in. In dem Maße, wie Sie das in der Schule auch sind. Ihre Schüler*innen sollen nun nicht das Gefühl haben, allein zu sein. Aber Sie sollen auch nicht das Gefühl haben, überfordert zu sein. Wählen Sie Tools, die auch ein unkompliziertes Zweiergespräch zulassen und bleiben Sie im Austausch mit Kolleg*innen und – sofern möglich – Eltern.

Diese sozial-emotionale Ebene ist im digitalen Raum oft unsichtbar, das liegt schon allein daran, dass wir uns nur mittelbar begegnen. Dennoch ist sie der Grundstein für eine funktionierende digitale Lehre. Und anders als den Grundstein für ein Medienkompetenzkonzept haben Sie diesen schon vor Jahren gelegt.


[1] Wenn wir schon bei einer Idealvorstellung sind, dann auch auf allen Ebenen.

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