Schulunterricht im HomeOffice – Traum oder Alptraum?

Die bundesweiten Schulschließungen haben das Leben der LehrerInnen in diesem Land nicht gerade einfacher gemacht. Nach dem Willen vieler Schulämter und Schulleitungen soll COVID-19 dem Unterricht kein Ende setzen, sondern der Virus soll per Digitaltechnik ausgetrickst und der Unterricht aufrechterhalten werden. Auf hastig einberaumten Konferenzen wird den LehrerInnen mitgeteilt, „dass“ der Unterricht möglichst weitergehen soll, das „wie“ bleibt aber vielfach offen. Der häufige Mangel an Strategien und Konzepten zur Digitalisierung im Bildungssektor lässt die Beteiligten dann mit Fragen weitgehend allein.

Die LehrerInnen fragen sich: „Wie bediene ich bei Microsoft-Teams die Chatfunktion?“, „Welche Gefahren gibt es, wenn ich den SchülerInnen Foto-/Video- und Audiomaterial zur Verfügung stelle?“, „Kann man eigentlich verlangen, dass ich mein privates Endgerät einsetze und daran ggf. sogar bestimmte Einstellungen vornehme?“, „Wo ist eigentlich der Personalrat?“ Diese Fragen sind alles andere als banal.

Die SchulleiterInnen fragen sich: „Welche Plattform setze ich ein, wenn ich einerseits die bestmögliche Funktionalität für unsere „digitalen Klassenzimmer“ möchte, andererseits aber das Risiko von Datenpannen und nachfolgenden Beschwerden gleichzeitig minimieren muss?“, „Wie kann ich die Persönlichkeitsrechte der Lehrenden schützen?“, „Kann die Schule auf Grundlage des Arbeitsverhältnisses eigentlich auf die private IT der Beschäftigten bauen?“

Diese Fragen sind nicht nur nicht banal, sondern auch komplex. Kurz gesagt geht es bei ihnen einerseits um die (Datenschutz-)Rechte der SchülerInnen und um die ArbeitnehmerInnenrechte der LehrerInnen: Aus dem Arbeitsverhältnis ergibt sich die Pflicht, personenbezogene Daten der SchülerInnen datenschutzkonform zu verarbeiten (in der Regel aufgrund der bei Einstellung zu unterzeichnenden „Verpflichtung auf die Vertraulichkeit“). Dies bedeutet u. a., dass auch im HomeOffice die personenbezogenen Daten der SchülerInnen nicht gegenüber Dritten – absichtlich oder unabsichtlich – offengelegt werden dürfen. Es bedeutet, dass Lehrende den Laptop nicht offenlassen dürfen, wenn sie zum Kochen in die Küche gehen, während sich ihre halbwüchsigen Kinder in der gleichen Wohnung aufhalten. Oder? Wirklich? Müssen Mütter jetzt ihren Familienangehörigen misstrauen? Die Antwort auf diese weitere Frage impliziert – juristisch gesprochen – die Bestimmung des „angemessenen Schutzniveaus“ nach Artikel 32 der DSGVO in einer ganz konkreten (Datenverarbeitungs-)situation. Jedenfalls wäre es eine Datenpanne, wenn von dem privaten Rechner Daten abhandenkommen. Ob beabsichtigt oder nicht: Wenn irgendetwas schiefgeht, werden Meldepflichten gegenüber den Aufsichtsbehörden und den SchülerInnen ausgelöst und es entstehen Haftungsrisiken – da braucht es gar keiner bösen Absichten von technikaffinen Kindern der LehrerInnen im HomeOffice. Ein fehlendes Update im Betriebssystem kann zum Verlust von Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit von personenbezogenen Daten der SchülerInnen reichen!

Auf der anderen Seite können auch die Daten der LehrerInnen missbraucht werden. Man stelle sich nur vor, dass ein Lehrer seinen SchülerInnen ein Lehrvideo mit ihm in der Hauptrolle online zur Verfügung stellt. Einer seiner Schüler speichert den Stream oder lädt die Videodatei herunter, verfremdet dieses in beleidigender Weise und teilt das bearbeitete Video auf Instagram und in mehreren WhatsApp-Gruppen. Diese Situation ist für den betroffenen Lehrer ein Alptraum! Es entspricht der aus dem Arbeitsverhältnis folgenden Fürsorgepflicht jeder SchulleiterIn, zur Vermeidung dieser oder ähnlicher Situationen technische und organisatorische Maßnahmen der Datensicherheit zugunsten der LeherInnen zu ergreifen.

Die angesprochenen Fragen und Problemkreise lassen sich teilweise mit gesundem Menschenverstand beantworten. Danach gilt: Eine Lehrerin ist nach ihrem Stellenprofil weder Informatikerin, noch bietet sie „infrastructure as a service“ an – überfordernde Anweisungen in Sachen Datensicherheit sowie das private Endgerät sind grundsätzlich tabu!

Andererseits brauchen LehrerInnen professionelle Hilfestellungen und Handreichungen zu Datenschutz und Datensicherheit, um das Risiko von Verletzungen des Datenschutzes im HomeOffice der Lehrenden zu minimieren. Berücksichtigt die Schulleitung die nach dem gesunden Menschenverstand gebotenen Maßnahmen und holt sie sich bei Fragen, die sich nicht mit dem gesunden Menschenverstand lösen lassen Hilfe, dann wird die Zeit im HomeOffice für alle Beteiligten sicher erträglich.

Philipp Siedenburg

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